„Identität(en) – Überlegungen zum Wesen der deutschen Nordschleswiger
Essay von Kommunikationschef Harro Hallmann (2025)
Wer bin ich und wo gehöre ich hin? Das sind Fragen die nicht nur Aufwachsende sich stellen, denn die Frage der Identität ist nie endgültig beantwortet. Der Begriff „Identität“ hat unterschiedliche Bedeutungen, je nachdem von welcher Disziplin aus wir ihn betrachten. Aus philosophischer und psychologischer Sicht wird klassisch die Gleichheit und die Kontinuität des Individuums betont.
Aus moderner kulturwissenschaftlicher und soziologischer Sicht ist Identität ein fortlaufender Prozess und nicht nur individuell, sondern auch gruppenbezogen. Gleichzeitig ist die Rede von hybriden Identitäten (Bindestrich-Identitäten) und parallelen Identitäten. Wie das konkret in der deutschen Minderheit in Nordschleswig aussieht, möchte ich aus persönlicher Sicht im Folgenden beleuchten.
Bewusster Einsatz für die Beschäftigung mit der Minderheitenidentität
Im Mai 2003 beschloss der Bund Deutscher Nordschleswiger – die Dachorganisation der deutschen Minderheit in Dänemark – ein Leitbild mit Aussagen zur Minderheit. Hier heißt es unter anderem:
- Die deutsche Minderheit, mit ihrer Geschichte und Tradition, mit ihrer gemeinsamen Kultur und Identität, ist ein selbstständiger Teil einer größeren Gemeinschaft.
- Die deutsche Sprache ist das wichtigste Erkennungsmerkmal der deutschen Minderheit.
- Selbstbewusstsein, Toleranz und Offenheit zeichnen die deutsche Volksgruppe aus.
- Die deutsche Minderheit pflegt ein gutes und vertrauensvolles Verhältnis zur dänischen Mehrheitsbevölkerung. Sie baut Brücken zwischen Deutschen und Dänen.
Was gehört zu unserer Identität dazu?
Zwanzig Jahre später – im August 2023 – beschloss der BDN-Hauptvorstand ein Projekt mit der Überschrift: „Was gehört zur deutsch-nordschleswigschen Identität?“
Das Papier stellt fest: „Im Gegensatz zu früher, wächst man heute nicht automatisch in die Minderheit hinein. Die Identität muss gepflegt und gefördert werden. Das ist ein laufender Prozess, der aber durchaus auch gezielt unterstützt werden kann. […]
Ziel ist nicht so sehr die Schaffung einer gemeinsamen Identität wie die Auseinandersetzung mit dieser.
Aktivitäten, Orte, Gegenstände
Ergebnis sollte somit eine Festigung und Stärkung des Bewusstseins der Zugehörigkeit zur deutschen Minderheit sein, wobei die Identität individuell geprägt bleiben soll. Als Ergänzung zum Leitbild von 2003 sollen Elemente der deutsch-nordschleswigschen Identität gesammelt werden.
Das Resultat sollte 7-10 konkrete Aktivitäten, Orte, Gegenstände etc. enthalten, die für die Identität der deutschen Nordschleswiger prägend sind.“
Dem Resultat – einem Nordschleswig-Kanon – wenden wir uns am Ende dieses Essays zu.
Identität im Unterricht
Identität ist ebenfalls ein Thema, mit dem die Lehrerinnen und Lehrer aktiv im Unterricht in den Schulen des DSSV arbeiten.
Darüber hinaus steht es im Mittelpunkt der Ausstellungen des Deutschen Museums in Sonderburg sowie bei den erfolgreichen Projekten SchülerbotschafterInnen am Deutschen Gymnasium in Apenrade und JugendbotschafterInnen in den Grundschulen der Minderheit. Es ist ebenfalls einer der Gründe, weshalb seit rund 10 Jahren verpflichtende Informationsveranstaltungen für neue MitarbeiterInnen in der Minderheit durchgeführt werden.
Geschichte oder Gesinnung
2020 feierten die Dänen die „Genforening“ – die „Wiedervereinigung Nordschleswigs mit dem übrigen Dänemark“. Wir, die deutsche Minderheit, feierten unseren 100. Geburtstag. Die Volksabstimmungen führten 1920 zur friedlichen Grenzverschiebung und zur Bildung der dänischen wie der deutschen Minderheit.
Letztere forderte eine Grenzrevision und unterstützte die Nationalsozialisten im Bestreben „Heim ins Reich“. Erst nach dem 2. Weltkrieg – mit der Neugründung der Minderheit auf demokratischer Grundlage durch die (damals nicht unumstrittene) Loyalitätserklärung – erkannte die deutsche Minderheit die Grenze von 1920 an.
Unser Ursprung
Wer 1920 nicht reagierte, bekam automatisch die dänische Staatsbürgerschaft. Wer für Deutschland gestimmt hatte und in Nordschleswig blieb, wurde Teil der deutschen Minderheit, einer autochthonen (einheimischen) Minderheit, oder eben auch einer Geschichtsminderheit.
„Heimdeutsch“ ist in diesem Zusammenhang ein Begriff, der manchmal noch auftaucht, der aber so unterschiedliche (und oft negative) Konnotationen hat, dass ich bei der heutigen Verwendung in Zusammenhang mit uns, immer Protest einlege.
Aber sind wir heute in der Minderheit alle Nachkommen dieser Personen, die 1920 dänische Staatsbürger wurden? Natürlich nicht.
Zugezogene aus Deutschland
Es sind seit 1920 immer wieder Zugezogene aus Deutschland zur Minderheit gekommen. Das gilt nicht zuletzt für die vielen Lehrerinnen und Lehrer, die dank einer guten Vereinbarung mit dem Land Schleswig-Holstein als Beamte beurlaubt werden können, wenn sie an unseren Schulen angestellt werden. Ich denke die Lehrkräfte aus Deutschland sind eine wichtige Erklärung dafür, dass sich Danismen und nordschleswig-deutsche Wendungen bei uns in Grenzen halten, und die Sprache sich in etwa parallel mit der in Deutschland entwickelt.
Viele Deutsche sind nach Corona verstärkt nach Dänemark ausgewandert. Besonders viele haben sich in Nordschleswig angesiedelt, weil es mit unseren Schulen für ihre Kinder einen leichteren Einstieg in ein fremdes Land gibt. Für uns ist mit den Zugezogenen eine doppelte – und nicht immer einfache – Aufgabe der Integration verbunden: erstens in die deutsche Minderheit und zweitens in die dänische Gesellschaft.
Letzteres ist nicht allein unsere Aufgabe, aber ich hätte bestimmt niemandem geglaubt, der vor fünf Jahren gesagt hätte: „2025 wird die deutsche Minderheit betonen, dass man Dänisch lernen muss.“ Aber genau das ist geschehen, weil es die Voraussetzung für eine erfolgreiche Integration und damit für ein Verbleiben in Dänemark ist. Wer nicht Dänisch lernt, wird früher oder später wieder nach Deutschland zurückkehren.
Es gilt immer noch das Diktum der Bonn-Kopenhagener Erklärungen: „Das Bekenntnis zur Minderheit ist frei“ oder „Minderheit ist, wer will“.
Heute können aber auch Menschen mit anderem ethnischen und geographischen Hintergrund Teil der Minderheit werden. Das ist die Minderheit als moderne und offene Gesinnungsminderheit: „regional und weltoffen“ – wie das offizielle Motto unterstreicht.
Somit sind wir beides: Geschichts- und Gesinnungsminderheit.
Identität im Wandel
Die deutsche Minderheit ist eine Gemeinschaft, die sich laufend selbst erfinden und definieren muss.
Ein konkretes Beispiel: Vor rund 10 Jahren bestand die Möglichkeit, dass die Deutsche Bücherei Sonderburg in ein neues Multikulturhaus am Hafen ziehen konnte, u.a. zusammen mit der dänischen Bücherei. Der BDN-Hauptvorstand votierte einstimmig dafür. Eine Entscheidung, die 1970 kaum so ausgefallen wäre. Damals hätte man sich für die Beibehaltung des eigenen Standortes entschieden.
Vor 10 Jahren fiel die Entscheidung für den Umzug, aber unter Bewahrung der Eigenständigkeit: die dänische Bücherei ist in einem Teil des Gebäudes, die deutsche in einem anderen.
Aber wer weiß, ob nicht die nächste Generation das anders sehen wird und sagen wird: warum stehen denn die Bücher über Kaninchenzucht – egal ob Deutsch oder Dänisch – nicht nebeneinander auf dem Regal?
Keine Parallelgesellschaft
Die Identität der Minderheit hat sich gewandelt. Natürlich. Sie ist nicht die gleiche wie 1920, 1945 oder 1970. Alles andere wäre auch fatal. Auch wenn die nachfolgenden Generationen (wir sicher auch) immer wieder den Kopf schütteln werden über die neumodischen Ansichten der Jugendlichen.
Die deutsche Minderheit verfügt mit ihren Kindergärten, Schulen, Büchereien, Pastoren, ihrem Vereinsleben, ihrer sozialen Arbeit, Zeitung etc. über Strukturen, die dazu verleiten könnten, uns als Parallelgesellschaft zu bezeichnen. Das sind wir aber keinesfalls.
Niemand lebt nur in der Minderheit
Wir haben dänische Nachbarn, die meisten von uns einen dänischen Arbeitgeber und wir verfolgen das kulturelle und politische Geschehen in Dänemark. Wir sind alle gut integriert. Niemand lebt nur in der Minderheit, niemand ist nur Deutsch. Wir sind auch dänisch sozialisiert und sprechen Deutsch und Dänisch und (viele auch) den regionalen, dänischen Dialekt, Sønderjysk.
Der ehemalige BDN-Hauptvorsitzende, Hans-Heinrich Hansen, sprach über das Leben in der Minderheit zu Recht von einer herausfordernden Gratwanderung zwischen der gewollten Integration und die zu verhindernde Assimilation.
Wir sind Deutsch und Dänisch
Wir sind Deutsch und Dänisch. Das schließt sich nicht aus, sondern ergänzt sich, genau wie wir Nordschleswiger und gleichzeitige Europäer sind. Parallele Identitäten, die sich gegenseitig ergänzen und stärken. Deutsch und Dänisch – die Mischung machts! Und es ist gerade dieses Doppelte, welches unsere jungen Menschen als ihren großen Vorteil ansehen: sie sind in beiden Kulturen und Sprachen zuhause. Nicht Wanderer zwischen den Welten, sondern in den Welten.
Zum Beispiel: Neben Rudern und Handball gehört Faustball inzwischen wieder zu den Sportarten, die in der Minderheit besonders gepflegt werden. Da Faustball im übrigen Dänemark praktisch unbekannt ist, stellt die deutsche Minderheit die dänischen Nationalteams, die an Europa- und Weltmeisterschaften teilnehmen. Ganz selbstverständlich singen sie dort die dänische Nationalhymne, während die Teamsprache Deutsch (oder Sønderjysk) ist.
Zum Schluss: wie sieht der Nordschleswig-Kanon nun aus?
Wir bekamen aus den Identitäts-Gesprächen sehr viele positive Rückmeldungen. „Wir haben uns viel besser kennengelernt“ war ein häufiger Kommentar, und viele Gruppen haben mehr Zeit verwendet als in der Anleitung vorgesehen.
Die Antworten auf den Fragebogen (ein typischer Ort, Gericht, Lied, Tradition, Sprichwort, Sportart, Tier, Kleidungsstück, Tag, Person, Buch etc.) waren sehr vielfältig – und einige der Antworten auch in Dänisch und/oder Sønderjysk. Am häufigsten genannt wurden: Knivsberg, Knivsbergfest, Blaues Liederbuch, und (BDN-Hauptvorsitzender) Hinrich Jürgensen.
Der BDN-Hauptvorstand entschied deshalb, dass es nicht sinnvoll sei einen Kanon (was ist typisch für die Minderheit) aufzustellen, sondern sich über die Vielfalt in der Minderheit zu freuen.
Essay veröffentlicht im Grenzfriedensheft „Zeitschrift für deutsch-dänischen Dialog“, 72. Jahrgang, 2/2025
Weiter Themen: Identität
Das Identitätsgespräch
In den Jahren 2023, 2024 und 2025 widmen sich die Verbände der deutschen Minderheit und der Bund Deutscher Nordschleswiger intensiv dem Thema Identität. Im Rahmen dieser Bemühungen hat der Bund Deutscher Nordschleswiger im Jahr 2024 das Identitätsgespräch ins Leben gerufen – eine Initiative zur Förderung des Dialogs über Identität innerhalb der deutschen Minderheit in Nordschleswig.
Das Identitätsgespräch bietet eine Gelegenheit, in einer gemütlichen Runde über Identität zu sprechen und neue Perspektiven zu gewinnen.
In den Jahren 2023 und 2024 legt der BDN einen besonderen Fokus auf das Thema Identität. Das Identitätsgespräch ist ein Teil dieser Initiative und lädt Gruppen (wie Vereinsvorstände, Kollegengruppen etc.) dazu ein, über Identität zu sprechen und mehr über sich selbst und andere zu erfahren.
Identität ist komplex, unsichtbar und oft unbewusst. Daher ist es schwierig, darüber zu sprechen oder zu formulieren, was die eigene Identität ausmacht. Im Identitätsgespräch findet die Identitäts- und Reflexionsarbeit “ganz nebenbei” statt, während man in gemütlicher Runde Fragen stellt und beantwortet.
Das Identitätsgespräch ist ein geführtes und gelenktes Gespräch, in dem die Teilnehmenden sich bewusster darüber werden, wie sie in bestimmten Situationen im Minderheitenkontext denken und handeln. In der Gruppe lassen sich sicherlich viele Gemeinsamkeiten finden. Gleichzeitig werden die Teilnehmenden durch den Austausch auch andere Erfahrungen und Sichtweisen kennenlernen und diskutieren. Keine Sorge: Im besten Fall gewinnen alle Beteiligten neue Informationen und Perspektiven.
Das Identitätsgespräch wurde bestellt und geführt im Zeitraum September 2024 bis März 2025.
Alle Gruppen, die das Identitätsgespräch geführt hatten und bis 3. März 2025 den Nordschleswig-Zettel beim BDN eingereicht hatten, nahmen an einer Verlosung teil.
Vereinsmitglieder, Vorstände, Kolleginnen und Kollegen (sowie andere Gruppen, die durch einen Verein oder eine Organisation zusammengehören) konten das Identitätsgespräch kostenlos bestellen und in ihrer örtlichen deutschen Bücherei oder am Empfang im Haus Nordschleswig abholen.
Die ideale Gruppengröße liegt bei 4-6 Personen. Das Identitätsgespräch ist für Personen ab 16 Jahren geeignet.
Die Teilnehmenden durchlaufen vier Spielphasen. Was in diesen Phasen besprochen wird, bleibt ihr Geheimnis. Die Fragen sind offen gestaltet, es gibt kein Richtig oder Falsch.
Phase 1: Die eigene Identität wahrnehmen
Phase 2: Die Identität in der Begegnung
Phase 3: Meinungs- und Erfahrungsaustausch
Phase 4: Ausfüllen der Nordschleswig-Liste, die anschließend an den BDN geschickt wird.
Dauer: ca. 90 Minuten.
Insgesamt wurden 45 Identitätsgespräche bestellt und ausgeliefert. Es kamen 27 Nordschleswig-Zettel von den Gruppen zurück. Der BDN verloste am 3. März unter allen teilnehmenden Gruppen drei Geldpreise.
Preisgelder:
1. Preis 20.000 DKK: Musikvereinigung Nordschleswig (Abt. Tondern)
2. Preis 10.000 DKK: SVTingleff, Seniorenturnen 60+
3. Preis 5.000 DKK: Deutscher Ruderverein Hadersleben